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14.12.2020 00:00

Geschenkt: Lektionen aus der Arena Natur

Welchen Wert hat die Natur für mein Business? Die Frage beschäftigt mich dank der Blogaktion „Vom Wert der Natur in der Selbstständigkeit“ von Silke Bicker

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Zeit in der Natur ist zweifellos für mich ein tägliches Ritual – sozusagen überlebensnotwendig als Ausgleich für die vielen Stunden am Schreibtisch. Ich bin ein absoluter Draußen-Mensch. Bei fast jedem Wetter zieht es mich raus, meist zum Laufen. Wie befreiend ist es, die frische Luft tief einzuatmen und beim Ausatmen genüsslich alles loszulassen. Der Blick in die grüne Weite entspannt meine Augen. Die Zeit hält spürbar an. Ruhe durchflutet mich. Mein Kopf lässt die Gedanken frei. Ich bin bei mir. 

In der Natur tanke meine Speicher auf. Ich lade mich mit Energie und Kreativität auf. Die Natur schenkt mir noch viel mehr. Sie ist auch meine Lehrmeisterin, mein Coach. Ich bin dankbar für die Erfahrungen und Lernaufgaben, die bis in meine Arbeitswelt wirken. 

Scheinbar Unmögliches wagen

Gletscherwelt am Piz PalüBei Bergtouren und Radtouren stehe ich immer wieder vor Herausforderungen. Mein erster Gedanke ist oft: „Das schaffe ich nie!“. Einmal unterwegs, ist aber Umdrehen oft keine wirkliche Alternative, um das Ziel zu erreichen. Gerade auf Rundwegen oder mehrtägigen Touren hilft ein Zurück auf Anfang wenig. Meine erste – und bis heute herausforderndste – Hochtour zum Piz Bernina hat mich das umfassend gelehrt. Der erste Tag hatte mich extrem gefordert: über zehn Stunden auf den Beinen, dünne Luft auf fast 4.000 Metern, über Gletscher und steile, vereiste Hänge, Kraxeln mit Steigeisen über. Der zweite Tag sollte weniger anstrengend, dafür umso genussvoller sein, so versprach es zumindest unser Bergführer Berni. Wir brachen früh morgens über die drei Gipfel des Piz Palü auf. Verbunden mit dem Seil marschierten wir zu dritt über Fels und Schnee. Wir genossen die Gipfelrast zwischendurch und erfreuten uns am grandiosen Ausblick. 

Kraft aus der Ruhe

Als es nach der Rast Zeit zum Aufbruch war, wurde Berni unerwartet ernst und wies uns an, jetzt ganz konzentriert und ruhig, vor allem gleichmäßig und stetig weiterzugehen. Ich schaute verwundert, bis mir mit Schrecken klar wurde, was kam: ein schmaler Grat über Schnee! Bei leichten Kletterrouten an der Wand gibt mir diese Halt. Geht es aber auf beiden Seiten des Weges mehrere Hundert Meter steil nach unten, spüre ich meinen Puls bis zum Hals. Mein Atem gerät außer Kontrolle und die Angst kriecht hoch. Als besondere Herausforderung kam dazu, dass ich mich beim Gehen mit Steigeisen immer noch sehr konzentrieren musste, um nicht zu verhaken und zu stolpern. Das hatte ich bereits am Tag davor getestet. Auf der Ebene hatte es auch keine schwerwiegenden Folgen. Am Grat bedeutete es allerdings, dass ich fallen und runterrutschen könnte. Meine beiden Begleiter müssten dann schnell zum Ausgleich auf die andere Seite rutschen. 

Schritt für Schritt

Wir stapften also los, ich an zweiter Stelle. Es gab keinen anderen Weg. Mir blieb nichts, als tief durchzuatmen und einen Fuß vor den anderen zu setzen. Natürlich versuchten meine Angst und Panik immer wieder, sich in meinem Bauch breitzumachen und nach oben zu steigen. Ich schob sie stetig nach unten, damit sie mich nicht blockieren konnten. Anhalten war keine Option. Stetig bewegte ich mich vorwärts, den Blick auf die Füße des Vordermanns gerichtet. Ich sprach mir selbst Mut und Vertrauen zu. Jeder Weg endet mal, doch dieser schien kein Ende zu haben. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatten wir es geschafft, der Pfad wurde breiter und die Steigungen an den Seiten flacher. Erleichtert – und  auch ein bisschen stolz – genoss ich die Stunden zurück zur Hütte. Die bizarre Gletscherlandschaft war überwältigend und ich spürte pures Glück. 

Auf Neues einlassen

Für meine innere Welt blieb diese Erfahrung nicht ohne Folgen. Immer wenn ich vor scheinbar zu großen Herausforderungen stehe, gibt mir das Erlebnis die Kraft und Zuversicht, den ersten Schritt zu wagen. Stetig und in kleinen Etappen gehe ich die Aufgaben an. Ich lasse mich darauf ein und vertraue darauf, dass alles für mich gut ausgeht. Seitdem traue ich mich auch an Dinge heran, die mir etwas Angst machen und meine geliebte Komfortzone kitzeln. Ich habe gelernt: Wenn wir es zulassen, wachsen wir über uns hinaus. Ich kann nicht alles planen und vorhersehen. Aber ich darf die Umstände annehmen. Meinen Weg passe ich an und ich bleibe im Fluss. Ich war im Nachhinein sehr froh und dankbar, dass ich mich darauf einlassen durfte und vor der Tour nicht alle Details kannte. 

Der Beitrag ist Teil der #NaturSichtBlogaktion „Vom Wert der Natur in der Selbstständigkeit“ im Dezember 2020. Ganz herzlichen Dank, liebe Silke Bicker, für die Impulse und Inspirationen.

Bild: Gletscherwelt am Piz Palü im August 2017 (Mandy Ahlendorf)